Ev.-Luth. Kirchgemeinde Johanngeorgenstadt

Willkommen bei der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Johanngeorgenstadt

 

Sehnsucht:

 

„Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn.“ – heißt es in Psalm 84. Jeder Mensch kennt Sehnsucht: Das Sehnen „heftet“ sich an Wünsche. Viele gehen in Erfüllung, andere nicht. Die unerfüllten Wünsche lassen weiter hoffen, steigern sogar die Sehnsucht. Die erfüllten dagegen können ernüchtern: Sie gleichen jenem „Sehnsuchts-Stern“, der uns begehrenswert erscheint, solange er  unerreicht bleibt, aber seinen Glanz verliert, sobald wir ihn erlangt haben. Statt seiner locken dann andere Sterne. Doch auch die büßen ihren Reiz für uns ein, wenn sie in unserem Besitz sind.

Diese „Ent-Täuschung“, mit der eigentlich jede gestillte Sehnsucht einhergeht, hat einen Grund: Die menschliche Sehnsucht reicht so tief, dass ihre vollständige Stillung unmöglich ist. Nach Blaise Pascal trägt jeder Mensch in sich das „Urbild“ der vollkommenen Welt. Und das „Abbild“ dieser Schönheit sucht er in dieser unvollkommenen Welt – freilich vergebens. Denn nichts reicht an das Urbild heran. Daher die Ernüchterung, die sich nach der Wunscherfüllung einstellt.

Wünsche erfüllen sich, die Sehnsucht bleibt. Der christliche Glaube begreift diesen „Sehnsuchts-Überhang“ als „Erinnerungszeichen“, das auf die wahre „Heimat“ des Menschen und alles Lebendigen verweist. Diesen Gedanken hat Hermann Hesse in wunderschöner Poesie entfaltet:

„Mir geht es jedesmal so, wenn ich an eine Blume rieche: Dann meint mein Herz jedesmal, mit dem Duft sei ein Andenken an etwas überaus Schönes und Kostbares verbunden, das einmal vorzeiten mein war und mir verlorengegangen ist. Mit der Musik ist es auch so, und manchmal mit Gedichten – da blitzt auf einmal etwas auf, einen Augenblick lang, wie wenn man eine verlorene Heimat plötzlich unter sich im Tale liegen sähe, und ist gleich wieder weg und vergessen. Ich glaube, dass wir zu diesem Sinn auf Erden sind, zu diesem Nachsinnen und Suchen und Horchen auf verlorene ferne Töne, und hinter ihnen liegt unsere wahre Heimat.“

 

Reformationskalender

In diesem Jahr begleitet uns eine neue Reihe zum  Thema Reformation. Ereignisse, Personen oder andere Gegenstände, die im engeren oder weiteren Sinne mit dem Reformationsgeschehen zu tun haben, sollen in den Blick genommen werden. Dabei orientieren wir uns (nach Möglichkeit) an den Terminen des Jahres, so dass eine Art „Reformationskalender“ entfaltet wird.

 

 

 

„Wir glauben all an einem Gott … „ So beginnt Martin Luthers Credolied. Im Gesangbuch findet es sich unter der Nummer 183. Das Lied ist in Melodie und Inhalt ein echter Knochen. In den meisten Gemeinden wird es nicht mehr gesungen, einige Gemeinden „quälen“ sich zumindest am Reformationsfest durch die drei Strophen. Doch es ist von den im Gesangbuch abgedruckten Credoliedern mit Abstand das inhaltlich beste!

Dass sich Luther überhaupt entschloss, ein Credolied zu schreiben, hatte zwei Gründe. In der römischen Messe wurde das Glaubensbekenntnis vom Priester allein in lateinischer Sprache gesungen. Mit der evangelischen Reform des Gottesdienstes sollte dies anders werden. Die Gemeinde sollte in deutscher Sprache in das Glaubensbekenntnis einstimmen können. Deshalb sah Martin Luther in seinem Entwurf der Deutschen Messe das nizänische Glaubensbekenntnis (EG 805) oder eben sein Credolied vor. Zum anderen diente das Lied auch zur Unterweisung der evangelischen Christen in die Grundthemen des Glaubens.

Für sein Credolied greift Martin Luther auf zwei Quellen zurück: auf ein kleines 10-zeiliges Credolied aus dem 15. Jh. und auf das nizänische Glaubensbekenntnis. Beide Quellen verschmilzt er zu einem in sich geschlossenen Lied von hoher poetische und theologischer Dichte. In den drei Strophen geht es Luther dabei nicht dazustellen, wer Gott an sich ist. Für Luther ist vielmehr wichtig zu sagen, wer Gott für uns ist, und was Gott für uns tut!

Die erste Strophe entfaltet den Glauben an Gott den Schöpfer: Gott, der alles geschaffen hat sorgt für uns, er schützt, er wacht, er ernährt. Gott der Schöpfer ist unser fürsorgliche Vater, und wir sind seine behüteten Kinder.

Die zweite Strophe singt von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der „ewig bei dem Vater ist“, Er ist als „wahrer Mensch“ geboren und „für uns, die wir warn verloren, am Kreuz gestorben“.

Die dritte Strophe besingt den Glauben an Gott, den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist – wie im Nizänischen Glaubensbekenntnis hervorgehoben - „Gott mit Vater und dem Sohne“. Er ist der Tröster, er „zieret“ die Christen mit seinen Gaben. Hier klingen bekannte Bibeltexte über den Heiligen Geist an, wie z.B. Johannes 14, 15-26, 1. Korinther 12,4-11 und Galater 4,16-25. Doch im besonderen schenkt der Heilige Geist der Christenheit „einen Sinn“, d.h. die Einheit der Kirche. Für Martin Luther war dies ein wichtiges Werk des Heiligen Geistes – gerade in der Reformationszeit, in welcher die Kirche Christi zum Zerreißen gespannt war. Es ist auch der Heilige Geist der Anteil gibt an der Sündenvergebung und am ewigen Leben.

Jede Strophe fängt mit den Worten „wir glauben“ an. Erstaunlich dabei ist, dass in der Melodieführung allein 5 Noten auf dem kleinen Wort „wir“ liegen. Damit wird dieses „wir“ nachdrücklich betont. Aber warum, ist doch so schon der Anfang jeder Strophe für einen ungeübten Sänger ein fast unüberwindliches Hindernis?! In diesem „wir“ findet das Wir der Gemeinde seinen Ausdruck. Ein Christ steht weder allein vor Gott noch allein in dieser Welt, vielmehr ist er eingebettet und getragen von einer lebendigen Gemeinschaft. Der schwierige melodische Anfang jeder Strophe mit hoher Stolpergefahr erinnert den Einzelnen und die Gemeinschaft daran: Wir treten füreinander ein, wir tragen die Zweifelnden, wir helfen den Strauchelnden auf, wir gehen den Verirrten nach. Das Wir des Glaubens trägt den Einzelnen!

Das Lied ist in Melodie und Inhalt ein echter Knochen. Es ist für uns heute schwer zu singen. Doch es lohnt sich auf dieses Lied einzulassen, es in den Gemeinden und in Gottesdiensten zu singen. Je öfter es gesungen wird, desto mehr entfaltet es seine Kraft und seine Tiefe – für den Einzelnen und in der Gemeinschaft der Glaubenden!